Vortragstermine II

Wir freuen uns über einen veranstaltungsreichen Februar:

So organisiert die Initiative selbst am 6.2. einen Vortrag von und mit Jérôme Buske in den Räumlichkeiten von Rotorbooks in Leipzig. Ausgehend von den Thesen des Historikers Reinhardt Koselleck geht die Lesung „Terror, Traum und die Zeiterfahrungen im Holocaust“ der Frage nach, welche Rolle die Sphäre jenseits von Rationalität und Verstand, der Traum als Quelle und die Überlieferungen Levis und Amérys für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust spielen. (https://www.facebook.com/events/1254441104765478/)

Am 21.2. wird Tina Sanders in der Schankwirtschaft Laidak in Berlin zur Situation und Rolle der Frauen im Iran referieren. Der Vortrag wird von der Neuköllner Initiative Ehrlos statt Wehrlos organisiert. (https://m.facebook.com/events/2671026609792544)

Das Zentrum für Kunst und Kultur, Babelkultur, in Zürich führt im Rahmen der interdisziplinären mehrtägigen Veranstaltungsreihe „Memory – Present – Future“ am 24.2. eine Podiumsdiskussion zum Thema „Neuer Antisemitismus“ in der Photobastei durch, auf dem Alexandra Bandl mit Dr. Doron Rabinovici und Dominic Pugatsch diskutieren wird. Davor wird sie dort das Kurzreferat „Unheilvolle Allianzen? Der postkoloniale Antisemitismus als globale Bewegung“ halten, während Lisa Johanne Jacobs zu Judenhass im Internet sprechen wird. (https://babelkultur.jimdofree.com/das-programm/)

Politisch korrekter Täterschutz

Von Alexandra Bandl.

 

Vor dem Hintergrund geheim angefertigter Videoaufnahmen auf den Unisex-Toiletten [1] des „Monis Rache Festivals“ wurde am 7.1.2020 eine investigative Dokumentation von „STRG_F“ [2] veröffentlicht. Sie thematisiert, wie auf dem linksalternativen Festival in den Jahren 2016 und 2018 versteckte Kameras installiert und voyeuristische Videos aufgenommen wurden. Diese zusammengeschnittenen Videos verkaufte der Täter [3] und stellte sie auf der Pornoseite xHamster einem breiten Publikum zur Verfügung, woraufhin er von der STRG_F-Journalistin Patrizia Schlosser kontaktiert wurde. Nach einer erfolglosen Korrespondenz meldete sich Schlosser im September 2019 bei den Organisatoren des Monis Rache Festivals. Es bildet sich bereits im selben Monat ein Kreis von Mitwissern und Eingeweihten heraus, die mit dem Täter gemeinsam die Tat aufar-beiten wollen. Dieser eingeschworene Kreis bezeichnet sich selbst martialisch als „EKG“ (Erstkontaktgruppe). In einem Artikel auf Supernova beschreibt Bilke Schnibbe, dass die EKG gemeinsam mit dem Täter versuchte, die Aufklärung der Öffentlichkeit zu behin-dern und den Namen des Täters und die Verbindung zum Festival zu verheimlichen. [4] Es ist bis dato nicht klar, wer von den Taten in Kenntnis gesetzt wurde und wie groß der Kreis der Eingeweihten tatsächlich war.
Insbesondere in Leipzig sorgte besagte Dokumentation für Furore: Wie kann es sein, dass ausgerechnet ein woker, aufgeklärter Mann aus der hiesigen linken Szene zum Sexualstraftäter wird und mehrere hundert Frauen in den intimsten Situationen filmt? Neben den üblichen, geschockten Reaktionen gelangten nach und nach verschiedene, geleakte Stellungnahmen an die Öffentlichkeit, die mutmaßlich von der EKG und dem Täter stammen, nachdem die Taten monatelang vor der Öffentlichkeit und insbesondere den geschädigten Frauen verheimlicht wurden. „Es ist daher die Aufgabe Aller dieses Gesellschaftliche Versagen für die Zukunft zu verhindern – und den Täter zu einem bes-seren Mensch-Sein zu helfen.“ [5] Mit diesen philosophisch anmutenden Betrachtungen über die gesellschaftliche Bedingtheit von Gewalt endet eine dieser Stellungnahmen.
Die EKG entschied sich anstatt des geläufigen Täter-Opfer-Ausgleichs lediglich für einen Täter-Ausgleich und forderte die Einhaltung verschiedener Auflagen, um im Gegenzug von einer Veröffentlichung des Namens und einer Anzeige abzusehen [6]. Gerechtfertigt wird die Entscheidung, den Täter nicht anzuzeigen mit den aus den USA stammenden Konzepten der Transformative Justice sowie der Community Accountability [7]. In einem Artikel [8] für die linke Zeitschrift ak – analyse & kritik (ak) beschreibt die Autorin und Mitbegründerin des „Transformative Justice Kollektivs Berlin“ Melanie Brazzel das Kon-zept als „eine neue Vorstellung von Gerechtigkeit und Sicherheit“, da die Gewalt als „kol-lektive Aufgabe“ betrachtet werde. Anstatt die „gewaltausübende Person“ zu bestrafen, werden ihr „Möglichkeiten zur Verhaltensänderung angeboten“. Der regressive Ruf nach Gemeinschaft wird hierbei anhand des amerikanischen Vorbilds wie folgt untermauert:
Während das bisschen Sozialstaat in den USA zerfällt, übernimmt der strafende Staat das Zepter. Er antwortet seit den 1970ern auf soziale Probleme wie Armut immer mehr mit harten Law-and-Order-Strategien, installiert Systeme rassifizierter Überwachung und Kriminalisierung und beschränkt die Bewegungsfreiheit. Nicht umsonst setzt sich die Black-Lives-Matter-Bewegung für die Abschaffung von Polizei und Gefängnissen ein.
Zwar gesteht die Autorin ein, dass es in Deutschland keine Massenverhaftungen gebe, jedoch würden jene Feministinnen, die sich einen sanktionierenden Rechtsstaat wün-schen, unterschiedliche Interessen gegeneinander ausspielen. Dieser „Carceral Femi-nism“ betreibe eine „Teile-und-Herrsche-Politik“. [9]
So edel die Auseinandersetzung um eine nachhaltige Aufarbeitung und Prävention von sexueller Gewalt auch sein mag, spätestens nach der Lektüre der Stellungnahme der EKG wird klar, dass es sich hier weniger um ein ehrliches Unterfangen, als die Befriedigung des eigenen, narzisstischen Bedürfnisses, auf der richtigen Seite zu stehen, handelt. Um Schaden vom eigenen Selbstbild abzuwenden, verzichtet man auf die Einschaltung der Staatsgewalt und schadet an erster Stelle den Betroffenen. Etwaige Schadensersatzfor-derungen werden ad absurdum geführt, wenn die Betroffenen ihre Anzeige gegen Unbe-kannt stellen müssen: Neben dem Schutz des Täters half die EKG auch dabei, die Fest-platten mit dem belastenden Material zu vernichten und Geld für einen Anwalt zur Ver-teidigung des Täters zu organisieren. Ohne hierbei auch nur eine Sekunde an die Bedürf-nisse anderer zu denken, möchte der Täter – gemäßden Auflagen der EKG – seine zwie-lichtigen Einnahmen „an verschiedene Linke Anti sexistisch arbeitende Gruppen“ spen-den [10]. Zugunsten der eigenen Ziele werden so individuelle Forderungen vorweg blok-kiert: Wer sich nicht mit dem Konzept der „Transformative Justice“ identifiziert und die eigenen Forderungen ungern zugunsten des linken Kollektivs zurückstellen möchte, wird von der Möglichkeit, Gerechtigkeit zu erlangen, ausgeschlossen. Nicht nur macht sich die EKG hierbei strafbar, sie agiert dezidiert antifeministisch.
Mit dem totalitären Anspruch, „[…] den Täter zu einem besseren Mensch-Sein zu helfen“, verfügt die eingeschworene Sippe selbst darüber, wann und ob ihr Schäfchen wieder szenekompatibel ist. Hierbei sei unabdingbar, dass Stillschweigen gegenüber der Öffent-lichkeit bewahrt wird, da „den Menschen gegenüber, denen man aufgrund von Freund-schaft zu Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verpflichtet ist“ [11] eine Loyalität besteht, so die EKG in ihrem Statement. Die geforderte Loyalität schlägt hier in einen Korpsgeist um. Es wird behauptet, dass nicht er selbst versagt habe, sondern „die Gesellschaft ein Stück weit an ihm versagt hat“ [12].
Die nicht nur in Großfamilienclans, sondern auch in linken Kreisen virulenten Prinzi-pien der Kontaktschuld und Sippenhaft führen dazu, dass der Täter nicht als handlungs-fähiges und selbstverantwortliches Individuum wahrgenommen wird, sondern auch gleichermaßen sein persönliches Umfeld zur Verantwortung gezogen werden soll. Nach diesen Konventionen ist es die Aufgabe des Clans, die Gerechtigkeit wiederherzustellen sowie selbst über Strafmaß und -ausführung zu befinden. Insofern hat die eingeschwo-rene Gruppe nicht nur ein Interesse daran, dass der Schutzbefohlene rehabilitiert, son-dern noch viel mehr, dass die gebrochene Ehre der Gemeinschaft wiederhergestellt wird. Weder geht es hierbei um die betroffenen Frauen noch um eine wirkliche Aufarbeitung der Taten und ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit – das Umfeld soll wieder zu den Guten gehören und entscheidet deshalb über die Köpfe aller hinweg, was zu unternehmen ist. Die feministische Forderung an den Rechtsstaat, nötige Gesetze zu erlassen, das defizi-täre Sexualstrafrecht zu verbessern und den umfassenden Repressionsapparat zugun-sten von Gewaltopfern einzusetzen, erscheint in den Prinzipien der EKG als gemein-schaftszersetzend und herrschaftsstabilisierend. Dies ist kein Fortschritt zu dem autori-tären Bedürfnis, sich dem Täter in einer Strafexpedition zu entledigen, sondern die an-dere Seite derselben Medaille.
In der linken Szene ist die Annahme verbreitet, dass die Behandlung von psychischen Erkrankungen lediglich die gewaltvolle Trennung zwischen Gesundheit und Krankheit befördere und ein konstruiertes Herrschaftsinstrument sei. Dabei wird unterschlagen, dass eine Kritik an der Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen und der Psych-iatrie als Institution nicht bedeutet, psychisch Erkrankte sich selbst zu überlassen oder im schlimmsten Fall als Rebellen zu adeln. Auch liegt den Konzepten der Transformative Justice und Community Accountability ein Gewaltbegriff zugrunde, der keine individuel-le Verantwortung, sondern nur allmächtige Strukturen und die gewaltvolle Reproduk-tion von Herrschaftsverhältnissen kennt. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich diese „Unterstützer“ ohne jegliche psychologische Ausbildung anmaßen, an ei-nem Sexualstraftäter herumzudoktern. Die Überforderung, die mittlerweile in mehreren Artikeln [13] kritisiert wird, zeugt von einer kruden Selbsttäuschung: Einerseits ist die EKG viel zu überfordert, um innerhalb von vier Monaten eine E-Mail zu schreiben, aber andererseits in der Lage, sich als Richter, Therapeut und Anwalt gleichzeitig aufzuspie-len. Diese vermeintliche Überforderung dient lediglich dem Schutz vor Verantwortung, die geboten wäre, um den betroffenen Frauen zu helfen, ihre Würde zurück zu erlangen.
Update 18.01.20: Kurz nach der Veröffentlichung dieses Artikels auf unserer Homepage tauchte eine weitere Stellungnahme der EKG auf, in der von einer Selbstanzeige des Täters die Rede ist.
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[1] Die versteckten Kameras filmten alle Nutzer der Unisex-Toilette, auf xHamster wurden jedoch ausschließlich Aufnahmen von Frauen veröffentlicht. Diese Plattformen werden überwiegend von heterosexuellen Männern genutzt. Vgl. https://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/34/voyeurismus-pornoseiten-netzwerk-illegales-filmen
[2] Nach Wikipedia ein Reportageformat, das der NDR für Funk produziert und auch über YouTube veröffentlicht
[3] In dem Interview von STRG_F und in einer Stellungnahme gibt der anonyme Mann zu, dass er die Taten begangen hat. Es bleibt zu hoffen, dass die Betroffenen die Tat zur Anzeige bringen und ein Verfahren gegen den Täter eingeleitet wird. Es sollte für femi-nistische Gruppen eine Selbstverständlichkeit sein, diese Frauen bei einem Prozess zu unterstützen.
[9] Ebd.
[10] Siehe 5 & vgl. Stellungnahme des Täters, PDF abrufbar unter: https://www.transfernow.net/files/?utm_source=7253y4w2noes&utm_medium=&utm_content=de
[11] Siehe 4
[12] Ebd.

„Terror, Traum und die Zeiterfahrungen im Holocaust – Zum Verhältnis von Reinhart Koselleck, Jean Améry und Primo Levi“

 

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Am 6. Februar veranstaltet die Initative Mündigkeit durch Bildung in den Räumlichkeiten von Rotorbooks in Leipzig um 19 Uhr eine Lesung:

„Terror, Traum und Zeiterfahrung im Holocaust – Zum Verhältnis von Reinhart Koselleck, Jean Améry und Primo Levi“ von und mit Jérôme Buske

https://www.facebook.com/events/1254441104765478/

Die Verbrechen der Nationalsozialisten an den europäischen Juden, Sinti und Roma, „Asozialen“ und politischen Gegnern sind seit Jahrzehnten Gegenstand historischer Auseinandersetzungen und lösen erinnerungspolitische Diskurse im postnazistischen Deutschland aus. Demnach vermochten es die gesamtgesellschaftlich geführten Debatten über die Hamburger Wehrmachtsausstellung im Jahr 1994 oder die Diskussionen über das Denkmal für die Ermordeten Juden Europas in der Berliner Republik in weite Teile von Politik und Zivilgesellschaft Einzug zu halten. Die Anerkennung der nationalsozialistischen Verbrechen durch den Erinnerungsweltmeister Deutschland, zeigt, dass sich seit dem vom ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder ausgerufenen „Aufstand der Anständigen“ im Jahr 2001 ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. Dieser Paradigmenwechsel ist nicht zuletzt auf die wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit zurückzuführen. Die Auswertung schriftlicher und visueller Quellen aus den Jahren 1933 – 1945, wie bspw. dem „Besprechungsprotokoll“ der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 oder der Ansatz der „Oral“-History, waren wichtige Bausteine um die nationalsozialistische Vergangenheit mittels geschichtswissenschaftlicher Methoden zu rekonstruieren. Einer der bekanntesten und häufig rezipierten Berichte über die Verfolgung durch die Nationalsozialisten ist Primo Levis Bericht über seine Zeit als Widerstandskämpfer im faschistischen Italien, seine Internierung und anschließende Deportation nach Ausschwitz. Der Bericht des Chemielaborants mit dem Titel „Ist das ein Mensch?“ aus dem Jahr 1947 kann als mikrohistorischer Gegenentwurf zu dem Determinismus und soziologischen Verständnis der Geschichte angesehen werden.

Primo Levi, der Widerstandskämpfer, Jude und Akademiker war jedoch nicht der einzige Überlebende der Zeugnis über die „totale Entwürdigung“ durch die Tortur abgelegt hat.
Der Linksintellektuelle, Jude und Angehöriger der belgischen Résistance, Jean Améry, bezeichnete Primo Levi in „Jenseits von Schuld und Sühne – Bewältigungsversuche eines Überwältigten“ als „Barackenkamerad“. Beide Protagonisten, Améry und Levi, haben Gemeinsamkeiten in ihren Biographien vorzuweisen.
Neben der gemeinsamen doppelten Zeitzeugenrolle, als politisch verfolgte Widerstandskämpfer einerseits und als antisemitisch verfolgte Juden andererseits, berichten Améry und Levi eben nicht mit kalten Statistiken über die sechs Millionen ermordeten Juden, sondern legen dar, wie sich Ausschwitz auf das Denken, Fühlen und die Charakterstruktur der Protagonisten ausgewirkt hat. Ausgehend von den Annahmen des Historikers Reinhardt Kosellecks, stellt sich die Frage ob Träume und transzendentale Textgattungen die deutschen Verbrechen gegen die Menschlichkeit fassbar machen können. Der Vortrag geht der Frage nach, welche Rolle die Sphäre jenseits von Rationalität und Verstand, der Traum als Quelle und die Überlieferungen Levis und Amérys für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust spielen.

Die Veranstaltung ist kostenfrei, um Spende wird gebeten.

Redebeitrag anlässlich der “Gedenkversammlung für Halle, gegen jeden Antisemitismus” am 10.10. in Leipzig

Von Alexandra Bandl.

 

Im Namen der Leipziger Initiative Mündigkeit durch Bildung möchten wir den zwei Todesopfern des gestrigen Terroranschlags in Halle gedenken. Die 40-jährige Jana L. galt als begnadete Autogrammsammlerin und der 20 Jahre alte Kevin S. gehörte zu der Fanszene des HFC. Wir trauern um zwei Menschen, die gewaltsam aus ihrem Leben gerissen wurden und sind in Gedanken bei ihren Angehörigen. Wir möchten den Familien und Freunden der Opfer unser Beileid aussprechen und wünschen den Verletzten eine schnelle Genesung.

Die gut gemeinten Betroffenheitsbekundungen und Appelle an Toleranz und ein friedliches Miteinander reichen jedoch nicht aus, sie erscheinen geradezu zynisch angesichts der Häufung antisemitischer Anschläge, allein in den letzten Tagen. Die Berliner Staatsanwaltschaft versagte letzte Woche auf ganzer Linie, indem sie einen syrischen Terroristen, der mit einer 30 cm langen Klinge in die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße eindringen wollte aus „mangelnden Haftgründen“ viel zu schnell wieder freiließ. Das Manifest des Todesschützen von Halle kursierte laut Daily Mail bereits seit einer Woche im Internet. Aufnahmen zeigen, dass Stephan B. die Zeit hatte, seelenruhig seine Munition nachzuladen, eine Frau zu erschießen und sich das nächste Ziel auszusuchen und die Polizei ließ viel zu lange auf sich warten. Wie kann es sein, dass die Synagoge in Halle am höchsten jüdischen Feiertag über keinen ausreichenden Polizeischutz verfügte?! Der Täter hatte bereits in der Vergangenheit die Shoah geleugnet und Waffenkäufe im Internet getätigt. Die deutschen Sicherheitsbehörden wissen um islamische Gefährder, sie wissen, dass Rechtsradikale seit Jahren Waffen horten, sie wissen, dass Antisemitismus in allen politischen Lagern immer offener ausgelebt wird. Stephan B. beging eine Tat, für die er bejubelt und verehrt wird und der Vernichtungswunsch ist dem Antisemitismus immanent. Er wird nicht der letzte bleiben, der seine Gesinnung in Taten umsetzt.

Die Behörden versagen auf voller Linie: Der mangelnde politische Wille, die vorhandenen Mittel und Befugnisse des Rechtsstaates auszuschöpfen, ist unerträglich. Wenn Juden in Deutschland angegriffen werfen, sind die Strafen nicht der Rede wert. Auf unterlassene Hilfe folgt die verlogene Selbstvergewisserung nach dem Mantra „Bunt statt Braun“ und der dazugehörige Betroffenheitskitsch. Doch was erwarte ich von einer Gesellschaft, in der die einzige Lektion aus Auschwitz „Nie wieder Krieg“ ist. Vor 71 Jahren beschämte die Staatsgründung Israels die zum Schutz der Juden unfähige und unwillige Weltgemeinschaft und die bewaffnete jüdische Staatsgewalt ist und bleibt bis heute der einzige wirksame Schutz gegen Antisemitismus, wie die Hamburger Studienbibliothek 2018 treffend schrieb. Das uneingeschränkte Recht auf Selbstverteidigung sollte nicht nur für Israel, sondern auch jüdische Einrichtungen und Einzelpersonen gelten. Der gestrige Anschlag war keineswegs unvorstellbar. Die unvorstellbare Barbarei ereignete sich in Auschwitz unter deutscher Federführung und die Möglichkeit, dass sich Auschwitz wiederholt, besteht fort – wie uns die Anschläge der letzten Tage verdeutlichen. Solange antisemitische Täter sich darin bestärkt sehen, da sich ihnen niemand in den Weg stellt und die Konsequenz im schlimmsten Fall eine Lichterkette ist, werden weitere Anschläge folgen.

Ich schließe den Redebeitrag mit ein paar persönlichen Worten. Als ich von dem Anschlag in Halle erfuhr, stand mein Herz still. Ähnliche Vorfälle in Berlin konnte ich bisher verdrängen, doch Halle ist zu nah. Mir war bewusst, dass Stephan B. und all die anderen antisemitischen Terroristen und Mörder mich mitmeinen, wenn sie losgehen, um Juden abzuschlachten. Der jüdisch-österreichische Schriftsteller Jean Améry bezeichnete sich einst als „Katastrophenjuden“. Für ihn bedeutete das Jüdisch sein „ein Toter auf Urlaub zu sein, ein zu Ermordender, der nur durch Zufall noch nicht dort war, wohin er rechtens gehörte, und dabei ist es in vielen Varianten, in manchen Intensitätsgraden bis heute geblieben“. Jude zu sein bedeutete für ihn, „die Tragödie von gestern in sich lasten zu spüren“ und selbst wenn er weder Religion, Bräuche, Sprache, noch Kindheitserinnerungen mit dem Judentum teile, ist er angesichts des „Welturteils“ solidarisch mit allen anderen Juden weltweit. Ich halte dies für die angemessenste Antwort auf die Frage, was es bedeutet, heutzutage Jüdin in Deutschland zu sein. Der Staat Israel ist und bleibt die notwendige Bedingung dafür, nicht Urenkelin von Vergasten und Enkelin von Davongekommenen zu bleiben, sondern ein souveränes, von antisemitischer Bedrohung und einengenden Stereotypen unabhängiges Leben zu führen.

Weil die Sorgen und Ängste von Juden nichts wert sind und Politik sowie Gesellschaft untätig bleiben, ist und bleibt Israel die einzige Lebensversicherung, auch und vor allem für Juden in der Diaspora.

 

Aktionstag gegen Antisemitismus in Wurzen

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Am 12.10. werden gleich 3 Mitglieder der Initiative, Benjamin Damm, Benjamin Männel und Tina Sanders, im Rahmen des Aktionstags gegen Antisemitismus des Rings Politischer Jugend und der Linksjugend Westsachsen in Wurzen referieren. Die Themen werden Jüdisches Erbe und Antisemitismus im deutschen Fußball, Antisemitismus in der AfD und die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ umfassen. Weiter Infos unter: https://m.facebook.com/events/netzwerk-für-demokratische-kultur/aktionstag-gegen-antisemitismus/533358827469848/.

“Eine Geschichte des Scheiterns? – Der linke Antisemitismus aus jüdischer Perspektive“

Die Initiative Mündigkeit durch Bildung präsentiert am 22. Oktober um 19 Uhr mit zwei Mitgliedern der Gruppe im Atari:

“Eine Geschichte des Scheiterns? – Der linke Antisemitismus aus jüdischer Perspektive“

Podiumsgespräch mit Klaus Rózsa, Angela Fuchs und Tina Sanders,  moderiert von Alexandra Bandl

https://www.facebook.com/events/494593131393527/

Vor 70 Jahren beschämte der Staat Israel durch seine Gründung die zum Schutz der Juden unfähige Weltgemeinschaft, so die Hamburger Studienbibliothek im Mai 2018. Auch die Arbeiterbewegung müsste sich angesichts der Shoah ihr Scheitern eingestehen. Dennoch oder gerade deshalb haben weite Teile sowohl der sozialdemokratischen, als auch radikalen Linken Israel bis heute nicht verziehen, dass sich die bewaffnete jüdische Staatsgewalt als wirksamster Schutz gegen Antisemitismus bewährt.

Miklós Klaus Rózsa, Angela Fuchs, Tina Sanders und Alexandra Bandl diskutieren vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen den grassierenden linken Antisemitismus, der sich nicht selten an Israel entfesselt und in einer Ignoranz gegenüber der antisemitischen Bedrohung, der Juden vielerorts ausgesetzt sind, äußert. Gibt es Unterschiede in Ost- und Westdeutschland, welche Rolle spielte die schweizerische Linke? Entstehen neue, unheilige Allianzen im Kampf gegen den jüdischen Staat, seit der klassische Antiimperialismus an Einfluss verliert? Die Auswirkungen auf das eigene jüdische Selbstverständnis sowie die politische Praxis werden im Spannungsfeld von partikularen Interessen und universalistischem Anspruch beleuchtet.

Vortragstermine I

Im Oktober beginnt mit dem neuen Semester auch die Vortragssaison: So referiert Daniel Hildebrandt am 1.10. an der Ruhr Universität in Bochum auf einer Konferenz des Marie Jahoda Center for International Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum, der LAG Fanprojekte NRW und der Heinrich Böll Stiftung NRW zum Thema „Die Doppeldeutigkeit des Fußballs. Eine Kritik der kollektivierten Fanseele“ (https://www.hsozkult.de/event/id/termine-40888).

Am 15.10. wird Benjamin Männel um 17 Uhr im Rahmen der Kritischen Einführungswochen an der Uni Leipzig eine Einführung in das Weltbild des Antisemitismus präsentieren.

Am 16.10. referieren sowohl Jérôme Buske als auch Tina Sanders: In Münster organisiert das Junge Forum der DIG Münster den Vortrag „Die AfD und das Verhältnis zum Antisemitismus“ mit Jérôme (https://www.facebook.com/events/510906713064151/). Tina wird im Lift in Bremen im Auftrag der Gruppe Interlude und dem Lift selbst „Jüdisches Erbe und Antisemitismus im deutschen Fußball“ behandeln (https://m.facebook.com/events/2393493584246683).

Jérôme Buske wird außerdem am 6.11. in „Der holprige Weg zur Mündigkeit“ an der Universität Trier, veranstaltet vom Referat für Antirassismus und Antifaschismus im AStA der Universität Trier und AStA der Universität Trier, über Demokratieerziehung in Sachsen sprechen (https://www.facebook.com/events/2459756630971246/).